Künstlerstadt Kalbe (Milde) e.V.

Eine Idee, ein Versuch

2012 befand Corinna Köbele, lange genug die Fassaden leerstehender Wohnungen in ihrer Straße angesehen und sich ausgemalt zu haben, was in ihrem Inneren geschehen könnte: Als die Stiftung Zukunft Altmark aufrief, Kulturprojekte einzureichen, zögerte sie nicht, ein Konzept zu schreiben. Dem Bürgermeister, Stadtrat, Vereinen und ganz Kalbe präsentierte sie ihre Idee einer Künstlerstadt.
Eine Spende der Stiftung gab es erst sehr spät, dennoch wurde der Vorschlag bald in die Tat umgesetzt. Ohne Vergütung räumten Corinna Köbele und einige Mitstreiter leere Wohnungen und Häuser auf, putzten und richteten sie ein, damit Kunststudierende darin wohnen und arbeiten konnten. Mit 15 Stipendiaten im Sommer 2013, die erst vorsichtig beäugt, dann in die Herzen der Kalbenser aufgenommen wurden, begann eine neue Geschichte. Man sprach vom „SommercampusVirus“, von dem alle Kalbenser infiziert waren: Damit war die Künstlerstadt Kalbe geboren.

Juristisch ist die Künstlerstadt ein Verein, Corinna Köbele versteht die Aktivitäten jedoch weitreichender, es geht ihr darum, alle Bürger in den Gestaltungsprozess der Künstlerstadt einzubeziehen. Ziel der Künstlerstadt ist es, mit Kunst und Kultur den Folgen des demografischen
Wandels zu begegnen, sie verfolgt ein nachhaltiges Die „Künstlerstadt Kalbe“ hat Kreativität in ihren Ort gebracht: Junge Künstler aus aller Welt
beleben leerstehenden Wohnraum, Flüchtlinge singen und gärtnern gemeinsam mit Einheimischen.

Leerstand soll beseitigt, Bleibeperspektiven eröffnet, Zuzug ermöglicht und die Lebensqualität der Stadtbewohner erhöht werden. „Wir wollen die Altmark als Kulturregion etablieren und Aufmerksamkeit auf die Vorzüge des Lebens in einer Kleinstadt auf dem Lande lenken. Und wir möchten
bürgerschaftliches Engagement fördern und ein ‚Wir‘ bieten, um gemeinschaftlich das Lebensumfeld für unsere Zukunft zu gestalten“, sagt Corinna Köbele, Vorsitzende der Künstlerstadt Kalbe. Die Ziele sind hoch gesteckt: Nach Worpswede und Ahrenshoop will Kalbe eine neue Künstlerkolonie werden und Künstler aus aller Welt anlocken, aber auch das kreative Potential bei den Einheimischen wecken. „Kalbe soll ein kunterbunter,
lebendiger Ort werden“, sagt Corinna Köbele über ihre Zukunftsvision.

Kunststudenten aus aller Welt

Seit dem ersten Campus 2013 führt der Verein jedes Jahr einen 50-tägigen Sommercampus und einen 30-tägigen Wintercampus durch. Dafür vergibt er Stipendien an Kunststudierende, die zwischen zwei und vier Wochen in Kalbe bleiben, um an ihren Projekten zu arbeiten. Durch die Projekte der Stipendiaten und durch die Arbeit der Künstlerstadt gelingt es während des Sommercampus an rund 45 Tagen, ein breites Spektrum an Veranstaltungen für Stipendiaten wie auch für Bürger anzubieten: Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, offene Bühnen, Ideenwerkstätten, Theater, geführte Radwanderungen und mehr. Je nachdem, wieviel Wohnraum die Künstlerstadt mietfrei zur Zwischennutzung zur Verfügung hat – die Nebenkosten übernimmt sie –, schwankt die Zahl der Stipendiaten je Campus zwischen 8 und 52. 2015 belebten sie beim Sommercampus rund 19 Häuser
und nutzen öffentliche Plätze. Bisher hat der Verein etwa 180 Stipendien vergeben. Unter den Studenten waren Künstler unter anderem aus Australien, Brasilien, Südkorea, Island und Portugal, inzwischen bestehen viele internationale Kooperationen.

Engagement für neue Bürger

2014 öffnete sich der Verein Künstlerstadt Kalbe für ein neues Themengebiet, die Integrationsarbeit. Stipendiaten des Sommercampus wollten wissen, wie es den Flüchtlingen in Kalbe geht. Deshalb lud der Verein die Kalbenser Asylbewerber zu einem öffentlichen Abendessen mit Videoperformance ein. Dabei wurde deutlich, woran es in Kalbe fehlte: Deutschunterricht. Heute gibt es sechs ehrenamtlich geleitete Deutschkurse. Einer dieser Kurse wird von einer afghanischen neuen Bürgerin angeboten, die inzwischen so gut Deutsch gelernt hat, dass sie ihre Landsleute unterrichten kann. Der Verein hat zudem
weitere deutsch-internationale Aktivitäten angestoßen. Im Chor der Nationen singen Kalbenser gemeinsam mit den neuen Bürgern afghanische und deutsche Lieder, im Garten der Nationen pflegen neue und alte Kalbenser eine 2000 Quadratmeter große Fläche und in der „Fusionsküche“, die
gemeinsam mit dem Jugendclub betrieben wird, kochen sie zusammen. „Unsere neuen Bürger gehören einfach bei allen unseren Aktivitäten dazu, sei es bei den Feiern oder aber bei den vielen Arbeitseinsätzen“, sagt Corinna Köbele. Ein harter Kern, viele Unterstützer Die Aktionen der Künstlerstadt wurden in den ersten zweieinhalb Jahren durch Preisgelder aus Wettbewerben und durch Spenden finanziert, Ehrenamtliche übernahmen zahlreiche Aufgaben. Der harte Kern der Engagierten umfasst zwischen 15 und 20 Personen, im erweiterten Kreis – Paten, Gewerbetreibende, Handwerker, Mitglieder aus anderen Vereinen – wirken etwa 60 Personen mit. Seit Juli 2016 unterstützen den Verein zwei Mitarbeiter in Teilzeit. Ihre Arbeitsplätze werden durch das Programm „Gesellschaftliche Teilhabe-Jobperspektive 58+“ aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Mit der Förderung der Kulturstiftung des Bundes „Fonds Neue Länder“ vergibt der Verein zudem ein sechsmonatiges Koordinationsstipendium an Absolventen eines Studiums im Kulturbereich. In Kalbe geschieht etwas „Wir haben eine deutliche Belebung der Kulturlandschaft von Kalbe erreicht“, sagt Corinna Köbele über die bisherige Arbeit der Künstlerstadt. Und als Neulandgewinner der Robert-Bosch-Stiftung plant sie ihr Angebot in den kommenden zwei Jahren noch weiter auszubauen, Workshops, ein Jazzfestival und ein Literatur-Labor sollen stattfinden. Durch die Aktivitäten der Künstlerstadt seien dem Verfall preisgegebene Häuser wieder ins Bewusstsein der Menschen gerückt, so Corinna Köbele. 14 Wohnungen, die zeitweise genutzt wurden, sind bereits wieder regulär ermietet. Die Künstlerstadt selbst hat ein verlassenes Gehöft gekauft und baut es jetzt um. Für weitere Gebäude hat sie bereits Nutzungsideen. Auch einige der jungen Kunststudenten haben eine Bindung zum Ort und den Einheimischen aufbauen können. Drei ehemalige Stipendiatinnen suchen nach einem geeigneten Gebäude, um in Kalbe ansässig zu werden. „Sicherlich ist es oftmals nicht leicht für die Bürger, die zeitgenössische Kunst, die hier angeboten wird, zu verstehen“, sagt Corinna Köbele. Auch sei für Menschen mit einer traditionellen Lebenshaltung die Lebensentscheidung, Künstler zu werden oder zu sein, schwer nachvollziehbar. Dennoch erlebe sie, dass durch den engen Kontakt der Stipendiaten zu den Bürgern von Kalbe, ein Prozess des Verstehens in Gang komme. Dabei entstünden auch Reibungen zwischen den verschiedenen Lagern, diese müsse man aber als bereichernde Belebung verstehen. Denn was Corinna Köbele von anderen über die Arbeit der Künstlerstadt Kalbe zu Ohren kommt, ist im Allgemeinen positiv: „Wir säen Hoffnung, weil hier etwas geschieht. Die Künstlerstadt ist eine Marke geworden und in vieler Munde."


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39624 Kalbe (Milde), Stadt
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